Der deutsche Rohholzhandel

Geschrieben von Klaus am 16. November 2007 | Abgelegt unter Holz

1. Rohholzhandel - ein uraltes Gewerbe

Rohholzhandel gab es schon in den Hochkulturen des vorderen Orients. Hierzuland beginnt der Rohholzhandel im Mittelalter mit dem Aufkommen der Städte. Aus den Wuchsgebieten wurde Rohholz ursprünglich über den Wasserweg auf die städtischen Märkte gebracht. Erst am Verwendungsort wurde es für den vorgesehenen Zweck bearbeitet. Die Häfen mit dem aufblühenden Schiffbau waren ein weiterer Verbringungsort.

Mit dem Industriezeitalter änderte sich die Struktur des Holzhandels. Das Holz wurde im Wuchsgebiet bearbeit und von Händlern in die Verbrauchsgebiete geliefert und dort verteilt. Der Rohholzhandel über- nahm eine neue Aufgabe: Die Belieferung der Holzindustrie. Die neue Hauptfunktion war die Sortierung. Der Handel kaufte das Holz unsortiert und führte es den verschiedenen Verwendungs zwecken zu. Der Rohholzhandel erlebte einen neuen Höhepunkt. Dann kam, die HOMA und die HKS und der Forst übernahm mehr und mehr die Sortierung.

Nach dem Kriege wuchs der Rohholzhandel in eine neue Funktion hinein, die Logistik- und die Beschaffungsfunktion.

Wie viele Rohholzhändler gibt es in der Bundesrepublik? Faßt man die Adressen all jener zusammen, die in Deutschland in irgendeiner Form mit Holzhandel zu tun haben, so erhält man eine Strecke von mehreren 100 Firmen. Vielfach gibt es Abgrenzungsschwierigkeiten, insbesondere zwischen Händlern mit Einschlagskolonnen und Einschlagsunternehmungen mit Handel aber auch bei Sägewerken und Transportunternehmern, die nebenher etwas Holzhandel betreiben.

Der Bundesverband Deutscher Holzhzandel hat im Jahr 2005 198 Unternehmen gelistet, die als Rohholzhändler im eigentlichen Sinne gelten können, 107 davon sind im BD Holz organisiert. Nach dem Hauptgutachten der Monopolkommission 1990/91, das 197 Rohholzhändler ausweist, wurden von diesem Handelszweig in 1989 Umsätze von 1,4 Mrd DM getätigt.

2. Die Funktion des Rohholzhandels

Die klassischen Funktionen des Handels sind räumlicher Ausgleich, zeitlicher Ausgleich, quantitativer Ausgleich (z.B. Bündelung kleiner Angebotsmengen zu nachfragegerechten Quantitäten) und qualitativer Ausgleich (z.B. Sortierungsfunktion, Preisausgleichsfunktion). Die Aufgaben bzw. Tätigkeiten, die der Rohholzhandel heute wahrnimmt, sind:

- Einkaufsdisposition mit Sortimentsfunktion - Verkaufsdisposition

- Auftragsabwicklung, darunter Ausfuhrmodalitäten wie Export-Ausfuhrpapier

- Ursprungszeugnisse, phytosanitäre Zeugnisse, Reklamationen

- Finanzierung

- Transport/Logistik.

Die bestmögliche Verwertung des Rohholzes, d.h., die höchste Wertschöpfung der jeweiligen Marktsituation ist die Aufgabe für den Händler. Seine Stärke ist die aktuelle Marktkenntnis und die Fähigkeit, flexibel auf die Erfordernisse des Marktes eingehen zu können.

Die Stichwörter “Lean Production” und die Belieferung “just in time” werden z.Zt. in allen Wirtschaftsbereichen strapaziert. Derjenige, der sich auf bestimmte Funktionen und Aufgaben beschränkt, kann sie in der Regel effizienter ausführen als derjenige, der in der Wirtschaftskette alle Funktionen erfüllen will. Der Vertrieb des Holzes durch den Waldbesitz und der Einkauf durch die Holz- bzw. -. Papierindustrie sind betriebswirtschaftliche Kostenfaktoren, entscheidend beeinflußt durch die Vorhaltung entsprechender Abteilungen mit dem notwenigen Personal. Die Zusammenarbeit mit dem Rohholzhandel - dem Vermarktungsprofi - ermöglicht sowohl dem Waldbesitz als auch der Industrie eine Optimierung dieses Kostenapparates. Eine marktbedingte Unterbeschäftigung von Spezialabteilungen läßt sich dadurch vermeiden. Waldbesitzer und Holzverarbeiter, die den Ver- bzw. Einkauf durch Universalisten durchführen - meistens der Geschäftsführer bzw. Inhaber profitieren vom spezifischen Know-how des Rohholzhandels, der sich ausschließlich mit der Vermarktung beschäftigt und diese Aufgabe häufig mit weniger Aufwand - also kostengünstiger - durchführen kann. Marktnähe, Marktpräsenz und Marktkenntnis sowohl beim Absatz als auch bei der Beschaffung von Rohholz sind die Vorteile des Handels.

3. Aufgaben und Chancen des Rohholzhandels

Folgende Trends zeichnen sich z.Zt. ab:

3.1 Konzentration der Nachfrage: Es sind starke Konzentrationsprozesse auf der Nachfrageseite zu verzeichnen Bei der Sägeindustrie ist diese Entwicklung voll im Gange, bei der Holzwerkstoffindustrie läuft dieser Prozeß europaweit ab. Bei der Papier- und Zellstoffindustrie ist die Konzentration ohnehin sehr hoch.

3.2 Der Prozeß der Konzentration des Angebotes setzt sich fort. Er ist schon seit Jahrzehnten durch Bildung von Forstbetriebsgemeinschaften etc. in Gang gesetzt worden. Dazu kommt, daß der Großprivatwald sich z.T. neuer eigener Absatzstrukturen bedient. Gelernt wurde dies vor allem nach den Stürmen “Wiebke” und “Vivian” aus einer Notsituation. Entgegen diesem Trend gibt es auch Dezentralisierungsentwicklungen bei Staatsforstbetrieben in der Holzvermarktung. In NRW wird z.Zt verstärkt Vermarktungskompetenz auf die mittlere und untere Verwaltungsebene verlagert. Es ist zu vermuten, daß auch andere Landesforstverwaltungen diesen Weg beschreiten werden.

3.3 Der Rohholzabsatz nimmt immer stärker internationale Formen an. Die früher hauptsächlich regionalen, bundesländerbegrenzten Warenströme im Rohholzbereich werden überregionaler und internationaler. Exporte nach Skandinavien, Italien und in die Türkei sind an der Tagesordnung, mittlerweile wird Rohholz sogar nach Japan und Südkorrea verschifft.

3.4 Im engen Zusammenhang mit dem Rohholzmarkt steht die Verwertung von Sägeresthölzern, Spänen und Rindenprodukten. In der Abfallwirtschaft Deutschlands ist das Problem der Entsorgung von Alt- und Abfallhölzern bisher nicht befriedigend geregelt. Es läßt sich auch hier ein Zusammen- hang mit dem Rohholzhandel ziehen. Verpackungs- VO und Wirtschaftskreislaufgesetz haben zukünftig zur Folge, daß Altholz und Restholz nicht mehr auf der Deponie landen dürfen. Für Spezialisten tut sich hier ein großes Betätigungsfeld auf. Der Logistiker mit den entsprechenden Holzmarktkenntnissen ist gefragt.

3.5 Im kleinen und mittleren Privatwald gibt es immer mehr betriebsfremde Waldbesitzer. Die Erben von Bauernwald betreiben immer häufiger selber keine Landwirtschaft und auch keine Forstwirtschaft mehr. Sie sind auf Dienstleister angewiesen, auf den Selbstwerber und den Rohholzhändler.

3.6 Der sich z.Zt. abzeichnende Mehrbedarf an Industrieholz, ist hauptsächlich nur im kleinen und mittleren Privatwald zu mobilisieren. Hier stecken die größten ungenutzten Kapazitäten. Die Bündelungsfunktion und die Beschaffungsfunktion des Holzhandels werden immer wichtiger.

3.7 Als Dienstleister für den Waldbesitz benötigt der Rohholzhandel im Zuge der wachsenden Beschaffungsfuktion Holzerntekompetenz. Der Staat baut tendenziell Arbeitskapazitäten ab. Stärkere Zusammenarbeit mit Lohnunternehmern und Selbstwerbern oder eine eigene Selbstwerbung werden eine immer wichtigere Ergänzung des Leistungsangebotes für den Rohholzhandel.

3.8 Der Rationalisierungsdruck auf die Holz-, Zellstoff- und Papaierindustrie bleibt bestehen. Resultat ist die Forderung nach einer Belieferung im Werkseingangsmaß fm oder t atro. Der Waldbesitz und der Handel stehen diesen Verfahrensweisen häufig skeptisch gegenüber, für die Industrie sind sie aber eine echte Dienstleistung und bieten Chancen für den Rohholzhandel. Die Belieferung nach fm-Werkseingangsmaß und t atro ist eine Handelsfunktion.

3.9 Die zunehmende Sortimentsvielfalt bei den Holzhalbwaren führt auch zu mehr herstellerspezifischen Anforderungen an das Rohholz und somit ebenfalls zu mehr Sortimentsvielfalt. Es seien nur die Bereiche MDF und Fertigparkett genannt.

3.10 Auch der Waldbesitz bleibt unter Rationalisierungsdruck. Die Schere zwischen Holzerlös und Holzerntekosten - insbesondere Personalkosten -wird sich weiter schließen. Reserven sind im Managementbereich und in der mechanisierten Holzernte vorhanden. Sie müssen mobilisiert werden. Die Erwartung, die Defizite der deutschen Forstwirtschaft - insbesondere der Staatsforstbetriebe - nur über erhöhte Holzpreise ausgleichen zu können, führt in eine Sackgasse. Die zunehmende Internationalität der Märkte für Holz und Holzhalbwaren setzt mehr und mehr die Grenzen für die Einkaufspreise der Holzindustrie. Deutsches Rohholz zählt bekannterweise zum teuersten. Auch der Rohholzhandel kann im Selbstwerbebereich durch sein Know-how dazu beitragen, diese Probleme zu lösen.

3.11 Die Industrieholz-Vermeidungsstrategie des Waldbesitzes wird anhalten und schlägt sich auch im Waldbau langfristig nieder (z.B. größere Pflanzabstände). Naturnaher Waldbau mit Mehrstufigkeit, mehr Holzartenmischung und Ziel-stammorientierter Waldpflege werden langfristig Mengenverschiebungen zwischen den Sortimenten bringen. Die Vermarktung wird schwieriger, weil die Sortimentsvielfalt pro Hiebsort ansteigen wird.

4. Aus diesen Trends erwachsen Chancen für den Rohholzhandel:

Die Nachfragekonzentration der holzverarbeitenden Wirtschaft hat eine Ausweitung der Beschaffungmärkte für Rohholz zur Folge. Ein Sägewerk mit einem Einschnitt von 20.000 fm deckt sich örtlich ein, ein Sägewerk mit einem Einschnitt von 300.000 fm bedient sich überregional und teilweise auch importierter Rundhölzer. Es ist Aufgabe und Chance des Rohholzhandels, durch mittelfristige Lieferzusagen bis hin zu Liefergarantien ein fester Partner für die Industrie zu werden. Dies setzt eine hohe Leistungsfähigkeit des Rohholzhandelsunternehmens hinsischtlich seiner Finanzkraft, der Organisationsfähigkeit, der Logistik und großes kaufmännisches Geschick voraus. Firmen, die sich auf diesem Standard bewegen, werden beste Marktchancen haben.

5. “Lean-Management” führt zur Verschlankung von Einkaufsabteilungen der Industrie.

Dem steht oftmals entgegen, daß die Werke ihre eigenen Einkaufsabteilungen verstärken wollen. Wie bereits in der Darstellung der Funktionen des Rohholzhandels erwähnt, wird bei der Tendenz zur Lean-Production” und zum “Lean-Management die Entwicklung der Einkaufsabteilung eine andere Bedeutung erhalten. Das ungelöste Problem mit Einkaufsabteilungen zeigt sich z.B. darin, daß in manchen Gruppen aus der Einkaufsabteilung eine eigene Holzhandlung gemacht wird mit voller Holzhandelsfunktion, weil anderenfalls der Kostenapparat nicht darstellbar wäre.

Den Bemühungen, das Angebot auf Waldbesitzerseite zu konzentrieren, liegt die Tendenz zu mehr Selbstvermarktung inne. Wenn es einem solchen angebotskonzentrierten Betrieb gelingt, die originären Leistungen, die den Rohholzhändler stark machen, als Unternehmer zu erbringen, dann entstehen hier für den Rohholzhandel tatsächlich eine sehr ernstzunehmende Konkurrenz. Aber ein solcher Betrieb müßte in eine wirkliche Handelsfunktion einsteigen, z.B durch den Zukauf von Hölzern anderer Waldbesitzer, um wirklich mit dem Rohholzhandel konkurrenzfähig zu werden. Nach bisherigen Beobachtungen sind jedoch in der Praxis solchen Versuchen Grenzen gesetzt. Die notwendige Finanzierung der Selbstvermarktung ist oft die entscheidende Hürde.

Die Chancen für den Rohholzhandel bei der zunehmenden Internationalisierung des Rohholzgeschäftes liegen in der Fähigkeit, die spezifischen Anforderungen besser zu lösen als es ein Direktvermarkter könnte. Dies ist zunächst das Aufspüren der Absatz- und beschaffungsmöglichkeiten.

Dazu gehört eine hohe persönliche Mobilität des Firmeninhabers, die auch den entscheidenden Vorteil gegenüber den Direktvermarktern und Vermarktungsorganisationen des Waldbesitzes darstellen.

Die Notwendigkeit, bei internationalen Geschäften die in der Regel größeren Auftragsvolumina abzuwickeln, macht die Beherrschung der Logistik zu einem entscheidenden Thema und erfordert auch eine stärkere Zusammenarbeit des Rohholzhandels untereinander. Dazu gehört auch das Auffinden neuer Transportwege. Ist es kostengünstiger, türkische Abnehmer mit russischem Holz über die Wolga und das Schwarze Meer zu versorgen oder mit deutschem Holz über den Rhein-Main-Donau-Kana1?

Eine Reihe von Rohholzhändlern sieht z.T. seit Jahren eine große Chance in der Vermarktung von Kuppelprodukten aus der Schnittholzproduktion, nämlich Sägeresthölzern und Spänen. Auch die Vermarktung von Rinden gehört dazu. Einschlägige Firmen sind bekannt. Auch hier sind die Hauptprobleme saisonale und konjunkturell bedingte Angebotsschwankungen, die Logistik und das Aufspüren von Marktchancen. Aber eine Funktion kommt hinzu: Die Entwicklung neuer Produkte und Verwendungsmög1ichkeiten. Das fängt an bei der Bündelung von Kaminholz in bequemen Tragebeuteln für Baumärkte, Rindenprodukte für Garten- und Landschaftsbau, sowie Sägespäne für die Stallhaltung. Eine Perspektive für diese Produkte, vor allem aber für Altholz bietet die zu erwartende zunehmende energetische Nutzung von Holz. Die Aufgabe des Rohholzhandels wäre hierbei, sowohl die dezentralen Anlagen als auch mögliche große Zentraleinheiten kontunuier1ich rund um die Uhr zu versorgen. Der Vorteil des Rohholzhandels liegt auch in diesem Fall in der Beherrschung der Logistikfunktion.

Abschließend läßt sich folgendes feststellen: In den zurückliegenden, von den 90er Orkanen und der Depression geprägten Jahren, spielte die Absatzfunktion des Rohholzhandels die dominierende Rolle. Seit der konjunkturellen Erholung hat sich der Schwerpunkt auf die Beschaffungsfunktion verlagert. Mit der zunehmenden Konzentration in der Holzindustrie unter dem Trend zum “Lean-Management”, der wachsenden Internationalisierung des Rohholzmarktes - sowohl in der Beschaffung als auch im Absatz - mit der zunehmenden Nachfrage nach Dienstleistern in der Holzernte und der wachsenden Sortimentsvielfalt, wachsen die Aufgaben und Chancen des Rohholzhandels.
Vortrag 1995 am Tag des Deutschen Rohholzhandels von Klaus Kottwitz

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